Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, hat mit seinem Blog-Beitrag eine interessante Diskussion angestossen. Vermutlich wollte Diekmann nur die Klicktreiberei anprangern und zeigt als Beleg die Gesamtzugriffe auf sueddeutsche.de und den offensichtlichen Zusammenhang mit nichtjournalistischen Inhalten wie Spielen. Spannender ist aber für mich die Frage: Inwieweit hängen Qualitätsjournalismus und Zugriffszahlen zusammen? Und noch viel wichtiger: Was ist eigentlich Qualitätsjournalismus?
Das Internet ist wunderbar, bringt es mit seiner gnadenlosen Transparenz doch althergebrachte Meinungen ins wanken. Ich behaupte, die Zeiten wo Qualität vor allem als intellektuelle Spielweisen von Redakteuren definiert wurden, sind (jetzt nachweisbar) vorbei: Sicher, die Printauflage der Bild war bereits ein deutliches Indiz, dass “Qualität” offenbar nicht nur die tiefe Auseinandersetzung mit einem Thema – verbunden mit einer besonders üppigen Aneinanderreihung von Fremdworten – ist.
Es gibt also noch ein zweites Qualitätsmerkmal, nämlich die Zielgruppenaffinität. Qualität steht in diesem Fall dafür, den Lesern (Zuhörern/Zuschauern) genau die Informationen zu liefern, für die sie sich wirklich interessieren. Je höher der Deckungsgrad, je höher die “Qualität”. Dabei dürfen die journalistischen Tugenden selbstverständlich nicht vernachlässigt werden. Und ich lehne die althergebrachte Qualitätsdefinition auch gar nicht ab, sie gilt aber eben nur für einen Teil der Leserschaft. Das ist die wirkliche Nachricht, die hinter den im Internet erstmals präzise messbaren Zugriffszahlen steckt: Viva la Revolution!

Seltsam, dass Diekmann andere für das tadelt, was er selbst tut, aber das nur am Rande. ;) Ab dem kommenden Jahr misst die IVW ja nicht mehr primär nach Page Impressions, sondern nach Visits. Vielleicht hat sowas dann ein Ende. Qualität ist im Web schon noch wichtig. Qualität alleine beschert noch lange keinen Erfolg. Inzwischen sind Regelmäßigkeit und Schnelle wichtiger. Das funktioniert aber nicht ohne eine gewisse Mindestqualität, die für Glaubwürdigkeit Voraussetzung bleibt.
Für mich bedeutet Qualitätsjournalismus nicht nur, der Zielgruppe genau die Informationen zu liefern, die sie interessieren. Dann wäre die Bild tatsächlich eine Qualitätszeitung. Ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist aber, möglichst wahrheitsgemäß zu berichten, was diese Zeitung ja nun nicht immer macht. Das ist nur konsequent und empört mich auch immer weniger, die Bild-Leserschaft scheint es auch nicht zu stören, da sie ja nicht zur Konkurrenz wechselt. Trotzdem finde ich andere Medien, die sich mit weniger Erfolg an dieselbe Zielgruppe wenden, qualitativ hochwertiger.
Ein wichtiges Qualitätsmerkmal aus der Zeit vor dem Internet war die Exklusivität. Wer eine Meldung im Blatt hatte, die den Redaktionen der Konkurrenz nicht vorlag, durfte sich über einen Scoop freuen und wurde mit höherer Auflage belohnt. Die anderen durften abschreiben oder sich aus zusammengefassten Vorabmeldungen bedienen, hatten aber nicht die ganze Geschichte anzubieten. Diesen Vorsprung gibt es nicht mehr, heute wird verlinkt oder gleich in Gänze abkopiert und damit ist theoretisch jede interessante Story überall gleichzeitig zu lesen. Die Bild bedient sich ja sogar seitenweise bei Lettre International. Daher stimmt das schon, was der Beitrag oben sagt, Qualität besteht im Netz sehr viel stärker als offline in der richtigen Themenauswahl – und dazu gehört auch immer mehr, Themen wegzulassen.